Kann man seine Berufung bei einem Kongress finden?

„Es war einfach nur magisch!“, „Yes, Veit Lindau ist ein Kracher!“, „Danke, es war der Hammer!“, „Nach Tanja Peters Vortrag wusste ich, dass ich meinen Weg gefunden habe.“… Das sind nur einige Aussagen, die ich nach dem Berufung-Kongress, der am 14. und 15. April 2018 in Biberist in der Schweiz stattfand, auf der Facebook-Gruppenseite gefunden habe. Ich schätze die beiden genannten Kollegen sehr und fand ihre Vorträge großartig und inspirierend, doch ich zweifle.

Hoher Bedarf nach Sinnsuche

Wandelwillig?!-Stand Berufungs-Kongress BiberistDer Kongressveranstalter, Thomas Frei, hatte mir netterweise eingeräumt, dass ich mein Kartenspiel „Wandelwillig?!“ im Foyer des Veranstaltungsortes, der Biberena, in den Programmpausen präsentieren darf. Diese Chance nutzte ich natürlich gerne und lauschte als Besucherin den Vorträgen. Unglaubliche annähernd 600 Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren gekommen. Das zeigt, wie hoch der Bedarf nach Sinnsuche und beruflicher Neuorientierung im deutschsprachigen Raum ist. Der Anteil der Männer ist erstaunlich hoch.

Los geht es mit der Begrüßung des Veranstalters, der vollmundig verspricht, dass man innerhalb dieser zwei Tage seine Berufung findet. Puh, denke ich, das hat bei mir einige Jahre gedauert. Kann es sein, dass Menschen in diesem Saal innerhalb von zwei Tagen ihre Berufung finden? Ich bleibe offen und neugierig und warte mal ab, inwiefern die insgesamt 12 Referenten dazu beitragen werden.

Bunte Mischung von Inhalten und Methoden

Was ich während der zwei Tage erlebe, ist ein buntes Impulse-Potpourri: Von klar strukturierten Ansätzen über emotional bewegenden Momenten und Comedy-Einlagen bis hin zu esoterischen und „Tschaka“-Beiträgen ist wirklich alles dabei, was unterschiedliche Charaktere zum Thema Berufung anspricht. Ich darf mich mit meiner Sitznachbarin darüber austauschen, was ich großartig an mir finde. Ich darf mir tief in die Augen blicken lassen und mich daran erfreuen, was mein Gegenüber darin sieht. Ich darf Laute aus mir herauskommen lassen, tanzen, hüpfen und springen. Ich darf meditieren und darüber nachdenken, welche Stärken und Ängste ich habe. Der Gruppenspirit, der in der Menschenmenge entsteht, erinnert teilweise an etwas Sektenähnliches. Ich distanziere mich. Bei anderen Referenten lasse ich mich wieder auf Übungen ein.

Nicht alles ist überzeugend

Maria Fahnemann und Christiane Karsch
Christiane Karsch (li.) und Maria Fahnemann (re.)

Maria Fahnemann (Kommunikation & Coaching) und ich haben diese Reise mit dem Auto gemeinsam angetreten. Wir übernachten zusammen mit fünf anderen Kongressteilnehmer/innen im Gästehaus von Käthi Kaiser, die bestens für unser leibliches Wohl sorgt – auch mal mit einem leckeren Gute-Nacht-Schnäpschen;-) Schon am Abend des ersten Kongresstages und beim Frühstück am nächsten Morgen wird bei der Diskussion über das Programm klar, dass wir alle unterschiedliche Favoriten haben. Während Sieglinde vom „Guru“ Robert Betz schwärmt, sage ich, dass ich weder Hand noch Fuß in seinem Vortrag „Wenn auf den Erfolg der Burn-out folgt“ entdecken konnte. Lässig, mit einer Hand in der Hosentasche, steht er auf der Bühne und „plaudert“. Was bei mir hängenbleibt, ist der Satz: „Bist Du bereit zu schöpfen, statt zu erschöpfen?“

Grob fahrlässig und fast schon gefährlich finde ich die Aussagen des Duos Bahar Yilmaz und Jeffrey Kastenmüller. Sie arbeiten mit dem Thema Angst und manifestieren diese sowohl über ihre Folien als auch über ihre Aussagen dermaßen in den Köpfen der Zuhörenden, dass ich mich frage, wie in solchen Themen ungeübte Menschen, die sich auf die Botschaften einlassen, nach ein paar Tagen des Sackenlassens, auf sich allein gestellt, damit klarkommen.

Vom Superstate, Mut und Leben in der Box

Am Sonntag spricht mich das Programm mehr an. Gut gefallen hat mir Holger Eckstein, der sehr authentisch erläutert, wie er die Karriereleiter immer weiter emporstieg, plötzlich vor dem Nichts stand und im Nichts seinen „Superstate“ fand. Die Methode, zum inneren Kern und zum Superstate zu finden, vermittelt er nun Menschen, denen es ähnlich ergeht, wie ihm damals.

Veit Lindau, eine weitere Ikone in der Berufungslandschaft, verdeutlicht anhand von eingängigen Symbolen, wie z.B. der Box, wie sich Menschen selber den Weg verstellen. Er macht deutlich, dass Spaß an der Arbeit vergänglich und oberflächlich ist, während Freude an der Arbeit auch Krisen übersteht. Und er fordert die Zuhörenden auf ins Tun zu kommen, indem er ihnen kleine praktische Übungen für jeden Tag mit auf den Weg gibt. Veit’s Beitrag empfand ich als inspirierend und nährend.

Tanja Peters - MutmuskeltrainingEin Highlight ist für mich Tanja Peters, die mit ihrem Beitrag das Programm abschließt. Sie gibt zunächst ihre eigene Geschichte zum Besten, indem sie mutig erzählt, wie sie durch eine Autoimmun-Krankheit ihre Haare verlor und lernte sich mit Glatze ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Mithilfe der Positionierungscoach Ruth Urban hat sie sich zur MUTberaterin entwickelt. Anschließend liefert Tanja den Zuhörenden kluges Handwerkszeug, um ins Tun zu kommen.

Es mangelte an konkreten Arbeitsmethoden

Bei aller Euphorie, die einige Besucher/innen erfasst hatte und die wichtig ist, um auch den körperlichen Spirit zu spüren, fehlten mir mehr konkrete Ansätze und Methoden, z.B. wie man eine Berufung formuliert oder was man konkret tun kann, wenn man sie gefunden hat. Denn eine Berufung allein löst noch keine neuen Handlungsoptionen aus. Sie ist für mich die Basis, der rote Faden, der sich durch das Leben jedes/r einzelnen zieht. Die Ausprägung kann je nach Lebenssituation unterschiedlich sein. Die Antworten dazu bleiben beim Berufungs-Kongress aus. Doch vielleicht ist das von den Teilnehmer/innen auch gar nicht erwartet worden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Beim ersten Vortrag von Markus Cerenak ging es darum, wie man sein Hamsterrad verlässt. Er ermuntert die Zuhörer/innen Muster zu verändern, über den Tellerrand zu blicken und sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Bei einigen Redner/innen hatte ich das Gefühl, dass sie zwar ihrer Berufung folgen, aber dennoch wieder in einem Hamsterrad stecken.

Das Fazit

Bei der munteren Heimfahrt am späten Sonntagabend, die ich gemeinsam mit der wunderbar bodenständigen und herzlichen Maria antrete, tauschen wir uns über das Erlebte aus. Unser Fazit: Es war gut, dabei gewesen zu sein:-)

Entwicklung - Schmetterling - Berufliche Neuorientierung

Mein persönliches Fazit: Ja, ich glaube tatsächlich, dass einige Kongressteilnehmer/innen ihre Berufung nun formulieren können. Mit ein paar von ihnen habe ich mich im Foyer an meinem Wandelwillig?!-Stand, der übrigens viele Interessierte anlockte, ausgetauscht. Die meisten davon haben sich schon lange mit dem Thema beschäftigt und brauchten nur noch ein paar Impulse, um sich nun klar zu werden. Und nein, es gibt bestimmt viele, die nach dem Wochenende noch verstrubbelter sind, als zuvor. Ich werde mir mal wieder bewusst, dass ich die Suchenden unterstützen möchte, die sich eigenverantwortlich entpuppen und entfalten wollen. Ihnen liefere ich gerne eine strukturierte Vorgehensweise, damit sie die Beschäftigung finden, die sie ausfüllt, lebendig werden lässt und Freude macht. Ob es dazu wichtig ist, die eigene Berufung vorher zu finden bzw. zu kennen, kann jede/r selbst für sich entscheiden.

2 Gedanken zu „Kann man seine Berufung bei einem Kongress finden?

  1. Maria Antworten

    Schöner Artikel! Er lässt mich dieses Wochenende noch einmal Revue passieren, an dem auch ich so einiges Seltsames und manch Inspirierendes erlebt habe. Und, danke, dass du da so nett über mich schreibst :-).

  2. moe Antworten

    Danke !!!
    Es mangelt den meisten der aktuell in der spirituellen Szene aktiven „Superstars“ besonders dann an Bodenhaftung mit ihren inhaltsleeren Rattenfänger-Schwafel-Thesen, je mehr sie durch banale, aber effiziente und raffinierte Rhetorik-Tricks in Sekten-Manier die nach Sinnfindung lechzenden Massen generieren – und sich das meist noch unverschämt horrend bezahlen lassen (was dann selbstredend nur Ausdruck ihrer „postiv-erlösten Beziehung, das Ja zu auch materiell-weltlichem Wohlstand“ ist, klar!…).
    Es fehlt an seriösen Quellangaben für ihre abstrus-absonderlichen Behauptungen (Eingebungen aus „der Quelle“, dem „Jenseits“ oder gar „Gott“ persönlich. Jesus!!!…), und werden sie kritisiert, wird der Kritiker eben „totaaal liebend und offen umarmt“ – und das eigene Mitgefühl für den traurigen Umstand formuliert, dass dieser dann eben „leider noch im unerlösten Zustand des eigenen höheren Selbst“ oder „in Angst vor dem eigenen Licht und Leuchten“ befindlich sei und allein deshalb so ein „Gefangener des kleinen Menschenverstandes, der sich der Fülle noch verschliesse“ sei und allerlei ähnlicher Nonsens.
    Pathologisch auffällig diese gefährlichen „Top-Speaker“ – aber in Krisen befindliche Menschen bzw ihr verletztes inneres Kind sind natürlich willig und offen für ALLES ab einem gewissen Punkt. Was tragisch ist.
    Nun sollte man die Heilung des eigenen Inneren aber mit klarem Menschenverstand angehen und derlei Massen-hysterischen „Idolen“ grundlegend misstrauen – und ihnen oftmals einfach umgekehrt Hilfe anbieten, indem man ihnen zB gute Therapeuten oder Coaches empfiehlt, die den Grössenwahn als Ausdruck narzisstischer oder histrionischer Grundstrukturen erkennen und zu etwas Bodenhaftung verhelfen können. DAS wäre gelebte Spiritualität.
    Unbequemerweise braucht dieses Vorgehen über den bodenständigen Verstand, intensive und permanente Selbstreflexion und Analyse und Erkennen wie Ausflösen von dysfuntionalen Mustern aber keinen esoterischen Hokuspokus, sondern schmerzhafte Innenschauen, geduldiges, schrittweises, zeitintensives Vorgehen in den meisten Fällen – und ist eben nicht per fresh-modernem Power-Move-Fingerschnipp zu erreichen, wenn man die Gefahr der Verdrängung, Übertragung, Verschiebung, Projektion usw gering halten möchte…
    Nun, manche „Lebenshelfer“ tun natürlich auch „keinem was“ ernstlich Böses – aber diese massen-trance-mässigen Indoktrinationen, dass innere Freiheit und Auflösung schwerer Traumata sowie Potentialentfaltung lediglich das „richtige“ Wollen, dass „entschiendenste Entscheiden für Heilung und Freieheit“ bednötigten, ist schon schon ärgerliche Scharlatanerie – und frustriert all diejenigen (dürften die Allermeisten sein), denen das eben wundersamerweise nicht so ad hoc gelingen mag – im schlimmsten Fall erfolgt eine Retraumatisierung, mal abgesehen von riesigen Löchern in der Hausahltskasse für viel heisse Luft, die nur in viel moderne Zeitgeist-Zuckerwatte verpackt ist, damit sie nicht gar zu fad und leicht im Magen und auf der Seele liegt.

    Danke für Ihren klaren Menschenverstand!

    Freundliche Grüsse

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